Kastration von Papageien zur Beeinflussung unerwünschten Verhaltens

Hermann Kempf, Tierärztliche Praxis für Exoten, Augsburg

In den letzten Jahren hört man vermehrt über die Kastration von Papageien im Rahmen der Verhaltenstherapie. Dabei soll beim männlichen Tier das Aggressionspotential reduziert werden und beim weiblichen Tier das Brutverhalten abgestellt werden. Beides sind grundsätzlich Faktoren, die zum Automutilationsverhalten (z.B. Rupfen) oder zum verstärkten Revierverhalten (z.B. Aggression gegenüber Besitzer) beitragen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – es nicht auslösen! Deshalb mehren sich zunehmend die Beschwerden von Besitzern, denen zur Kastration geraten wurde und deren Grundprobleme offensichtlich nicht gelöst wurden. Dazu kommen noch zahlreiche Vögel, die in der Folge des operativen Eingriffs schwerwiegende gesundheitliche Probleme haben. Es ist also an der Zeit, einige Fakten objektiv zu beleuchten.

 

Goldbugpapagei (Poicephalus meyeri) mit ausgeprägtem Rupfverhalten.

Eine Kastration (Entfernung von Hoden oder Eierstock), sowie die Sterilisation (Durchtrennen von Samenleiter oder Legedarm) sind fachlich einer Amputation gleichzustellen, wie im Übrigen auch das Schneiden von Federn. Die Amputation von Organen regelt in Deutschland der §6 des Tierschutzgesetzes. Dieses Gesetz verbietet grundsätzlich die Amputation und erlaubt es in wenigen Ausnahmen. Bezüglich einer Kastration wären das §6(1)1a, der eine individuelle tiermedizinische Indikation zulässt und §6(1)5 zur Vermeidung unkontrollierter Fortpflanzung und eine Unfruchtbarmachung ist erlaubt – soweit keine tiermedizinischen Bedenken entgegenstehen – um, eine weitere Nutzung oder Haltung des Tieres zu ermöglichen. Die individuelle tiermedizinische Indikation ist beispielsweise gegeben, wenn ein Hoden- oder Ovarialtumor vorliegt. Das Thema unkontrollierte Fortpflanzung ist für Vögel irrelevant, da alle Arten Eier legen und eine Brutunterbrechung technisch möglich ist und keine Amputation notwendig macht. Bleibt also die Ausnahme zur Unfruchtbarmachung, um eine weitere Haltung möglich zu machen. Hier schiebt der Gesetzestext explizit die Formulierung „soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen“ ein. Das kastrieren von Papageien wäre also erlaubt, wenn es keine tiermedizinischen Bedenken gibt und wenn es notwendig ist, um eine weitere Haltung zu ermöglichen. Beide Punkte sind nicht erfüllt.

Dieses Goffinkakadu-Weibchen (Cacatua goffiniana) zeigt deutliche röntgendichte Narben nach
erfolgter Kastration und rupft weiterhin unbeeinträchtigt. In diesem Fall erfolgte die Kastration
vor Eintritt in die Geschlechtsreife und das Rupfverhalten trat erst später auf.

Technisch gibt es zwei Wege, eine Kastration durchzuführen. Mittel der Wahl (z.B. beim Tumorgeschehen) ist ein Zugang über die Flanke. Dabei werden zwei Rippen durchtrennt, um an die darunterliegenden Hoden oder den Eierstock zu kommen. Beim Männchen muss hierzu sowohl links als auch rechts der Eingriff durchgeführt werden. Beim Weibchen reicht die linke Seite, da Papageien in der Regel nur den linken Eierstock besitzen. Sowohl Hoden als auch Eierstock besitzen ein sehr kurzes Blutgefäß, das diese versorgt und bei der Entfernung der Organe muss dieses Gefäß zuverlässig abgebunden werden, um ein Verbluten zu vermeiden. Das ist oft anatomisch nicht so leicht und das intraoperative Verbluten gehört deshalb zu den Risiken, die der Tierarzt vor einem solchen Eingriff anspricht. Das führte dazu, dass man beispielsweise bei Wellensittichen mit Hodentumoren heute kaum noch operiert, sondern lieber Hormonimplantate setzt. Diese unterdrücken das Tumorwachstum über Jahre und vermeiden das Risiko des Verblutens. Und schlussendlich ist das auch ein Grund, der zur Entwicklung der zweiten Methode geführt hat – der endoskopischen Kastration mittels Laser. Was nach minimalinvasiver Hightech-Medizin klingt ist alles andere als minimalinvasiv. Der Eingriff birgt verschiedene erhebliche Risiken, sowohl während der Operation als auch postoperativ. Während des Eingriffs kann es zu Verpuffungen im Vogelkörper kommen. Zu Narkosezwecken wird der Vogel mit einem Inhalationsanästhetikum versorgt, dass von reinem Sauerstoff getragen wird. Die Hitze an der Laserspitze reicht aus, um eine Gasexplosion auszulösen. Wenn der Vogel dies überlebt, hat er nachhaltige Schäden. Kommt es nicht zur Explosion, kommt es in der Regel zu großflächigen Verbrennungen und Vernarbungen, die nicht selten benachbarte Organe (Nebenniere, Niere, Ischias) beeinträchtigen. Die viel größeren Probleme bereiten allerdings die Langzeitfolgen. Der Rauch, der beim Verbrennen von Hoden und Eierstöcken entsteht kann nicht abziehen und lagert sich in den nahe liegenden Luftsäcken und der Lunge ab. Dort begünstigen die Rußpartikel – nicht anders als im Raucherhaushalt – die Bildung von Aspergillus-Granulomen. Wir sehen vermehrt Vögel, die innerhalb kurzer Zeit nach der Kastration entsprechende Beschwerden entwickeln. Die zum Teil riesigen Granulome lassen sich in der Regel nicht rein medikamentös behandeln und sind oft für eine chirurgische Entfernung viel zu groß. Fasst man diese Komplikationen zusammen, muss man das durchaus „tierärztliche Bedenken“ nennen. Bezugnehmend auf §6 des Tierschutzgesetzes bedeutet dies, dass eine Ausnahme auch nicht möglich ist, wenn eine weitere Haltung nur so gewährleistet werden könnte.

Der Zeitaufwand unterschiedlicher Verhaltensmuster unterscheidet sich maßgeblich in der Natur
und in der menschlichen Obhut. Ein wichtiger Schlüssel zur Optimierung der Zeitbudgets für
die einzelnen Verhaltenskomplexe ist die richtige Ernährung.

Was bleibt also, wenn die Verhaltensauffälligkeiten die Lebensqualität von Vogel und/oder Besitzer deutlich einschränken? Resignation? Abgabe? Euthanasie? Grundsätzlich gilt, dass alle entsprechenden Auffälligkeiten aus der Aufzucht, Haltung oder Sozialisation des Vogels basieren. Davon lassen sich Aufzuchtfehler – wie Handaufzucht von Einzeltieren – nicht rückgängig machen, aber man kann grundsätzlich darauf verzichten. Und auch entsprechend fehlgeprägte Tiere, können mit der nötigen Erfahrung und mit entsprechender Gruppenhaltung gut resozialisiert werden. Können die Haltungsform oder die Gruppenzusammensetzung als Auslöser für das unerwünschte Verhalten ausgemacht werden, dann sind diese Faktoren abzustellen. Auch wenn das bedeutet, dass man als Halter einsehen muss, dass man eigentlich gar nicht die Möglichkeiten hat, diese Tiere richtig zu halten. Aber vieles lässt sich auch mit einem schmalen Geldbeutel und in einer kleinen Wohnung deutlich optimieren. Viele Probleme lassen sich häufig schon durch bessere Fütterung abstellen. Papageien verbringen in der Natur rund 80% ihrer Aktivitätsphase mit Nahrungssuche und Nahrungsaufnahme. Das geht nur mit kalorienarmer Grünfütterung. Die meisten Papageien in menschlicher Obhut werden mit Körnern und Obst gemästet und brauchen keine 20% Ihrer Tageszeit für den Nahrungserwerb. Entsprechend bleibt viel Freizeit für weitere Verhaltensmuster, zu denen Revierverteidigung, Paarbindungsverhalten und Gefiederpflege gehören. Ist dafür reichlich Zeit vorhanden, kann es exzessiv betrieben werden. Ist der Vogel stattdessen mit Nahrungserwerb beschäftigt, gehen diese Verhaltensmuster zwangsläufig auf ein natürliches Maß zurück. Nicht alle verfestigten Probleme lassen sich so lösen, aber eine Ernährungsoptimierung muss immer fester Bestandteil einer Therapie sein. Andere Probleme brauchen schlichtweg tägliches Training. Hier sind sicherlich routinierte Vogeltrainer gefragt, die einem da mit Rat und Tat zur Seite stehen. Den guten Vogeltrainer erkennt man schon daran, dass er Sie niemals zu eine Straftat (Kastration) verleiten wird, da es für alle Probleme bessere Lösungen gibt. Und schlussendlich muss man auch die Einsicht haben, dass nicht jeder einen Papagei halten kann, nur weil er das gerne möchte. Leider gibt es dafür in Deutschland auch kein vernünftiges Lösungsangebot. Während die Auffangstation für Reptilien mittlerweile zwar auch Säugetiere aufnimmt, landen Papageien leider noch viel zu häufig in nicht spezialisierten Tierheimen oder bei bemühten Privatpersonen, die in der Regel keine Quarantäne gewährleisten können, bzw. aufwendige Routineuntersuchungen schlichtweg nicht finanzieren können. Statt über Kastration nachzudenken, sollten wir uns viel mehr darum sorgen, dass der Titel „Papageientrainer“ oder „Verhaltensberater Papagei“ standardisiert wird und dass eine professionelle, wissenschaftlich geleitete Anlaufstelle für Abgabetiere geschaffen wird.


Hermann Kempf hat jahrelang an zahlreichen Stellen mit Zoo-, Wildtieren und exotischen Heimtieren gearbeitet, bevor er sich 2013 mit der Tierärztlichen Praxis für Exoten in Augsburg selbstständig gemacht hat. Er war unter anderem Leiter der Klinik für Greif-, Wild-, Zier- und Zoovögel an der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Zierfische an der LMU München. Er war jahrelang stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Zootier-, Wildtier- und Exotenmedizin. Er ist heute im Vorstand der Sektion Exoten der ÖGT, sowie EAZA-Consultant-Vet für Limikolen. Er berät international Zoos in der tiermedizinischen Versorgung von Vogelpatienten und ist Autor zahlreicher Fachpublikationen. Weitere Infos unter www.exotenpraxis-augsburg.de

Anschrift des Verfassers:

Tierärztliche Praxis für Exoten
Neuburgerstr. 30
86167 Augsburg
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www.exotenpraxis-augsburg.de

 


 

Castration in parrots to influence undesired behavior
(translation of Veterinarian Hermann Kempf’s article in Papageienumschau Nov-Dec 2016)

Within the last few years, castration in parrots appears more often within behavior therapy. For the male animal, it is supposed to reduce aggression potential and for the female animal, the breeding behavior shall be eliminated. In general, both are factors contributing to automutilation behavior (i.e. plucking feathers) or to increased territorial behavior (i.e. aggression towards the owner/keeper).

But – and this is the crucial point – both factors are not CAUSING it.

This is why there is an increasing number of complaints from owners/keepers, who were recommended to have their birds castrated, but their basic or original problems obviously were not solved. In addition, there are numerous birds suffering severe health problems as a consequence of that surgery. It is about time to objectively investigate some facts.

Castration (removal of testicles or ovary) and vasectomy (cutting of spermatic cords etc.) are technically comparable to amputation – just like feather or wing clipping as well. In Germany, §6 of the animal protection act regulates the amputation of organs. This law prohibits amputation in general and allows it for some few exceptions. For castration, this would be $6(1)1a, which allows an individual veterinarian indication and $6(1)5 for avoidance of uncontrolled reproduction, and making an animal infertile is permitted to allow further use or keeping of that animal, if no veterinarian concerns exist. Individual veterinarian indication would for example be a testicular or ovarian tumor. Uncontrolled reproduction is completely irrelevant for birds, because all species are laying eggs, which technically allows for an interruption of the breeding by removing the eggs and does not require amputation. This leaves the only remaining exception of making an animal infertile to allow further use or keeping. The law explicitly uses the wording “if no veterinarian concerns exist”. Castration of parrots would therefore be permitted if no veterinarian concerns exist and if it would be necessary, so further keeping of that animal would be possible. Both criteria are not met.

Technically, there are two ways of castration. The usual option chosen is (i.e. for removing tumors) the access via the flank (side), where 2 ribs are being fractured to reach the inbound testicles or ovary. For males (cocks), this procedure has to be done on both sides – left and right. For females (hens) the left side is sufficient, as parrots usually only have the left ovary. Testicles and ovary both have a very short sustaining blood vessel, and when removing these organs, this blood vessel has to be ligated very reliably to avoid death from exsanguination. Often this is anatomically not that easy and therefore intraoperative exsanguination is one of the risks, the veterinarian points out before such surgery. This is why for example budgies with testicular tumors are very seldom being operated on - nowadays hormone rods are being implanted instead. These will suppress tumor growth throughout years and thus avoid the risk of exsanguination.
In the end, this is also one of the reasons which lead to developing the second method – the endoscopic castration via laser. What sounds like minimally invasive high-tech medicine is by far anything but minimally invasive though. This procedure carries various significant risks during and after the surgery. During the surgery deflagrations in the birds body may occur. For narcosis reasons, the bird is given an inhalational anesthetic based on oxygen. The heat on the tip of the laser is sufficient to induce a gas explosion. If the bird survives this, it will have permanent injuries. If no explosion occurs, it usually leads to extensive burns and scarring, which often affect adjacent organs (adrenal gland, kidney, sciatic nerve). However, the major problems are caused by the long-term effects. The smoke development during burning testicles and ovaries cannot escape and settles in the adjacent air sacs and lungs. In there, the soot particles encourage the development of aspergillus granulomas – no different to a smoker’s household. We see an increasing number of birds developing correlated health problems shortly after castration. These partially huge granulomas usually cannot be purely drug-treated and often, they are too big for surgical removal. Summarizing these complications, you definitely have to call this “veterinarian concerns”. With reference to §6 of the animal protection act this means, that an exception is not even allowed, if only this way further keeping of this animal would be possible.

So which options are there, when behavioral disorders are severely restraining life quality of the bird and/or the owner? Resignation? Abandoning? Euthanasia? In general, all related abnormalities are based on rearing, keeping or socialization of the bird. You cannot reverse mistakes in rearing – such as hand-rearing of individual animals - , but you can abandon it as a matter of principle. And even wrongly imprinted animals can be well re-socialized with the necessary experience and group housing. If the trigger for this undesired behavior can be found in the husbandry system or the group composition, then these factors need to be eliminated. Even if this means, that the animal owner has to realize, that he may not really have the capability to keep this animal species appropriately. But a lot can be considerably optimized even with a small budget and in a small apartment. Many problems can be solved with a better feeding. Parrots in the wild spend around 80% of their active phase with foraging and the intake of food. This is only possible with a low calorie vegetable diet. Most parrots in human care are being stuffed with seeds and fruits and do not even need 20% of their daily time to eat. Therefore, there is plenty of free time remaining for other behavior patterns, such as territorial behavior, pair bonding behaviors and preening. If there is plenty of time for that, it can be done excessively. But if the bird is busy with foraging instead, these behavior patterns inevitably will be reduced to a natural extent.

Not all problems can be solved this way, but an optimization of nutrition always has to be a fix part of a therapy. Other problems simply need daily training. Of course this is where experienced bird trainers are mandatory to help you in word and deed. A good bird trainer can already be recognized by the fact, that he/she will never mislead you to commit a crime (castration), as there are better solutions for all problems.

And in the end, we just have to realize, that not everyone can keep a parrot, just because he wants to. Unfortunately, there is no reasonable offering of resolution for that. Whilst the animal rescue centers for reptiles meanwhile are also adopting mammals, parrots are all too often ending up in unspecialized animal shelters or with anxious private persons, who usually cannot ensure a proper quarantine or simply can financially not afford expensive routine examinations.

Instead of considering castration, we should rather care about standardization of the titles “Parrot Trainer” or “Behavior Consultant for Parrots” and that a professional, scientifically led shelter for abandoned parrots gets founded.